Stefan Morton ist leitender Kriminalbeamter und arbeitet an dem größten Fall seiner Karriere. Es gibt nichts, was ihn davon aufhalten würde, den Fall zu lösen. Bis auf diesen einen Traum, den er immer hat.

Stefan Morten lief gerade mal 10 Meter. Dann blieb er schnaufend stehen und stützte sich mit seinen Händen auf seinen Oberschenkeln ab. Er hatte im letzten halben Jahr mindestens 15 Kilo zugenommen. Die ganzen Donuts und Kuchen und auch der Alkohol und die Zigaretten nach der Arbeit machten sich nun endgültig bemerkbar. Als leitender Kriminalbeamter war das alles anderes als gut. Vor allem weil der Flüchtige einer der Drahtzieher des größten Rings für Kinderhandel in Europa war. Und vor genau zwei Monaten hatte er sich dazu entschlossen in seiner Stadt aufzutauchen. Als wäre das nicht schon Grund genug ihn in die Hölle zu schicken, schnappte er sich auch noch Stefans Tochter. Er entführte sie aus ihrem Kinderzimmer, während er und seine Frau nebenan seelenruhig schliefen.
Stefan blickte auf und sah den Mann in die 50 Meter entfernte Lagerhalle laufen. Er atmete noch einmal tief durch und startete wieder los. Seine Knie schmerzten, die Oberschenkel brannten und sein Herz raste. Sein ganzer Körper schrie ihn an, ob er denn wahnsinnig geworden sei.
Nach 20 Metern blieb er wieder schnaufend stehen. Aber dieses Mal, weil sein Telefon klingelte.
„Ja?“, schnaufte er.
„Stefan, wo bist du? Wir stehen hier bei deinem Wagen.“
Es waren seine Kollegen. Er hatte sie zur Verstärkung gerufen, aber nicht auf sie gewartet. Das war nicht die natürliche Vorgehensweise, aber der Typ hatte seine Tochter. Er war der Einzige, der wusste wo sie war und ob sie überhaupt noch im Land war.
„Er ist in die Lagerhalle. Kreuzung Hafengasse und Kranzsteg.“
Stefan legte wieder auf und rannte los. Wobei rennen sicherlich die falsche Bezeichnung für seine Fortbewegung war. Er hatte mittlerweile einen Krampf im rechten Unterschenkel, also humpelte er eher.
Als er bei der Lagerhalle ankam, zog er seine Glock aus dem Halfter und ging mit gezogener Waffe hinein. Der Geruch von Verwesung gemischt mit Schweiß kam ihm entgegen. Er musste sich beinahe übergeben. Vor mehr als 10 Jahren wurde die Halle von den Reedereien und Containerfirmen als Zwischenlager genutzt. Dann kam das organisierte Verbrechen und lagerte hier Drogen oder brachte Menschen für den Handel unter. Und jetzt war es einfach nur noch ein Ort wo Obdachlose schlafen konnten, Drogensüchte Drogen nahmen und Prostituierte mit ihren Freiern herkamen.
Stefan bahnte sich den Weg zwischen den Schrottkarren, Kisten und Schlafplätzen. Er hörte Leute schnarchen oder auch bei anderen Dingen. Dann klingelte sein Handy wieder.
„Mach den Scheiß aus, du Idiot!“, rief einer quer durch die Lagerhalle.
Sein Kollege rief wieder an. Stefan drückte ihn aber weg. Er hatte besseres zu tun.
Er ging auf einen Durchgang ganz hinten rechts zu. Umso näher er ihm kam, desto stärker wurde der Verwesungsgeruch. Er zog sich den Rollkragen seines Pullovers über Mund und Nase, aber das linderte das Brennen in der Nase nur wenig. Er blieb im Durchgang stehen und leuchtete mit seiner Taschenlampe den Nebenraum aus. Groß war er nicht, höchstens 30 Quadratmeter. An der rechten Seite waren Fenster. Links stapelten sich Kisten und darüber waren Planen. Geradeaus an der Wand sah er eine große schwarze Plane am Boden liegen. Er ging weiter in den Raum hinein. Der Gestank wurde immer stärker und seine Augen begannen zu brennen. Der Geruch kroch durch seinen Pullover und drang in seine Nase und seinen Mund ein. Sein Magen zog sich zusammen und alles kam ihm hoch. Er musste sich bemühen, dass er sich nicht übergab.
Er hatte schon eine Vorstellung davon, was sich darunter befand. Er sah es bereits vor seinen inneren Augen. In Gedanken ging er alle Vermisstenfälle durch. Kinder die in den vergangenen Wochen spurlos verschwanden. Genauso wie seine Tochter vor 2 Wochen.
Stefan ging einfach weiter. Er spürte sein Handy in der rechten Hosentasche vibrieren, ignorierte es aber. Er musste es sehen und er musste wissen, ob sie dabei war.
Als er direkt davorstand, schob er seinen rechten Fuß unter die Plane und hob sie leicht an. Sofort kam ihm ein Schwarm Fliegen entgegen und der Geruch überwältigte ihn so sehr, dass er rückwärts stolperte und hinfiel. Er drehte sich auf seine Vorderseite und musste sich übergeben.
Nach 10 Minuten beruhigte sich sein Magen. Als Kriminalpolizist hatte er schon vieles Gesehen. Wasserleichen, Leichen denen Körperteile fehlen, Erschlagene oder auch zu Tode gefolterte. Das hier war aber etwas ganz anderes.
Stefan stand auf und leuchtete wieder auf die Plane. Er musste es einfach wissen. Er konnte nicht warten. Also nahm er die Plane und zog sie weg.
Vor ihm entblößte sich ein Bild des Grauens. Unzählige schwarze Fliegen schwirrten in die Höhe und um ihm herum. Unter der Plane lagen ungefähr 10 Körper in unterschiedlichen Zuständen. Bei wenigen waren die Gesichter noch erkennbar. Der größte Teil der Leichen war aber bereits so stark verwest, dass man nicht erkennen konnte, ob es sich um Mädchen oder Jungen handelte.
Er leuchtete auf die einzelnen Körper und versuchte etwas zu erkennen. Irgendein Detail. Sei es noch so klein. Tief in sich hoffte er aber, dass er nichts erkennen würde, denn dann wäre seine größte Angst wahr.
Dann hörte er hinter sich etwas und gerade als er sich umdrehen wollte, verlor er sein Bewusstsein.
Stefan riss seine Augen auf und saß kerzengerade im Bett. Sein Puls raste und schlug ihm bis zum Hals und sein weißes Nachthemd war komplett durchnässt. Er blickte nach rechts zu seiner Frau, aber sie war nicht da. Panisch stand er auf und ging aus dem Schlafzimmer hinaus.
„Marie? Wo bist du? Marie??“, rief er durch die ganze Wohnung.
Er öffnete alle Türen. Stürmte ins Kinderzimmer und machte das Licht an. Er ging zum Bett und zog die Bettdecke weg. Natalie war nicht da.
„Natalie? Marie? Wo seid ihr?“
Er lief die Stufen der Wohnung hinunter in das Erdgeschoss.
„Hört auf mich zu verarschen. Wo seid ihr?“
Er machte überall die Lichter an. Aber es war keiner da. Weder seine Frau noch sein Kind. Panik kam in ihm hoch. Seine Hände begannen zu schwitzen und sein Herz wurde immer schneller. Sein Hals schnürte sich zu und er röchelte nach Luft. Er setzte sich auf den Boden und versuchte seine Atmung zu kontrollieren.
Nach 10 Minuten hatte er sich fast wieder im Griff. Er ging zum Telefon in die Küche und wählte den Notruf.
„Polizeidienststelle ...“
„Ja, Morten hier. Meine Familie ist entführt worden. Sie müssen sofort vorbeikommen.“
Stefan unterbrach den Polizisten einfach und legte danach auch gleich wieder auf.
Nach 10 Minuten waren sie dann da. Zwei Polizisten und sein Kollege Martin Simma.
„Ist das alles? Wo ist das Sondereinsatzkommando? Meine Frau und mein Kind sind verschwunden und du kommst mit zwei solchen Streifenpolizisten?“
Martin deutete den Polizisten, dass sie vor der Tür warten sollen. Er ging mit Stefan in die Wohnung hinein und setzte sich mit ihm an den Esstisch in der Küche.
„Stefan, was ist los?“
„Das habe ich schon gesagt. Meine Frau und mein Kind sind entführt worden. Sie sind nicht hier!“, rief er.
Martin seufzte.
„Hör zu. Ich weiß, dass ist eine schwere Zeit für dich, aber ...“
„Schwere Zeit? Hör auf hier blöd herum zu reden und such meine Familie!“, schrie Stefan in an.
Martin griff in seine innere Jackentasche und holte einen Stapel Fotos heraus.
„Stefan, deine Familie ist nicht verschwunden.“
Er legte ihm ein Foto nach dem anderen hin. Darauf waren Marie und Natalie zu sehen. Beide an den Händen und Füßen gefesselt und Klebeband auf den Mund.
„Deine Frau und dein Kind sind tot. Du hast sie gefunden. In der Lagerhalle. Vor 6 Monaten. Sie wurden aus eurem Haus entführt, während du geschlafen hast. Besoffen wie immer. Stefan, bekomm endlich dein Leben in den Griff.“
Martin stand auf und ging zur Haustür. Bevor er hinausging drehte er sich nochmal um.
„Und bevor du wieder irgendetwas von einem Menschenhandelsring sagst. Es war deine Schuld, dass sie entführt wurden. Du hattest Spielschulden bei Moralez und ich hab dir damals schon gesagt, dass du dir helfen lassen sollst. Es gab keinen Menschenhandelsring. Dein Gehirn hat dir einfach eine bessere Geschichte vorgesetzt, damit du dein Versagen nicht akzeptieren musst.“
Dann ging er und lies Stefan alleine in der Küche zurück.
Kommentar hinzufügen
Kommentare
Das war ur gruselig - zur Beruhigung brauch ich jetzt Schokolade - 🍫 - 🙋♀️
super Geschichte😍
Uuuhha mit dem Ende hätte ich nicht gerechnet! 👏👏 super!
Wieder extrem gute Geschichte und wieder der Twist.....😉
Cool
Wieder eine sehr sehr spannende Geschichte mit einem sehr überraschenden Ende 😍😎 sehr stark weiter so ✌
Das ist zwar die erste deiner Geschichten, die ich lese, aber ich war intuitiv sicher, dass deine Geschichten sehr gut sind, nachdem du das 1. Mal von deiner Leidenschaft erzählt hast 😃
Ich wünsche dir viel Erfolg auf deinem Traumweg und
freue mich auf weitere Geschichten ✨️
LG Flo (BSA)