Die Welt von Dr. Mertens gleicht einer Achterbahn. Ist sie doch eine der renommiertesten Neuropsychiaterinnen, kann sie ihre Realität nicht immer richtig einschätzen.

7 Uhr:
Es klopft an der Tür.
„Frau Mertens, …“
„DOKTOR Mertens!“ schrie sie durch die geschlossene Tür.
Er seufzte. „Doktor Mertens. Wir sind so weit. Können wir los?“
„War das so schwer?“ Sie zupfte sich ihren weißen Kittel zurecht, schob ihre Brille mit dem rechten Zeigefinger nach oben und räusperte sich. „Na dann los. Worauf warten wir?“
Sie ging mit aufrechter und graziöser Haltung an Dr. Braun und Nadine vorbei. Manchmal erinnerte sie ihn an eine Antilope – wenn sie einen guten Tag hatte.
„Sprich sie bitte immer mit ihrem Titel an. Sicher ist sicher. Du bist neu hier und ich will dir keinen Wutausbruch zumuten.“ Dr. Braun reichte Nadine das Klemmbrett.
8 Uhr:
Dr. Mertens saß in Zimmer 1325 bei der Gruppentherapie. Sie hörte allen Patienten zu und notierte sich zwischendurch immer wieder etwas. Manchmal rollte sie mit den Augen oder seufzte. Die Anstrengung war ihr anzusehen. Dr. Braun und Nadine saßen etwas abseits von der Gruppe und beobachteten alles in Ruhe.
„Was qualifiziert sie eigentlich dazu, ständig hier ihren Mist zu verbreiten?“ Patient 4 sah Dr. Mertens skeptisch an. „Sie sind doch nicht anders …“
„Was mich qualifiziert?“ Dr. Mertens Stimme überschlug sich beinahr. Dann räusperte sie sich und versuchte ruhig zu bleiben. „Ich bin eine der renommiertesten Neuropsychiaterinnen. Habe einen Abschluss von Yale und… vergessen sie das. Damit auch sie es verstehen: ich bin Ärztin und sie sind Patient.“
„Aber das sind sie …“
„Hören sie auf mich zu langweilen.“ unterbrach sie ihn. „Umso schneller wir hier vorankommen, desto früher sind wir fertig.“
Nadine sah mit fragendem Blick zu Dr. Braun. Er zuckte nur mit den Schultern und deutete, sie solle einfach weiter beobachten.
Nach einer Stunde stand Dr. Mertens auf und kam zu ihnen.
„Denken sie wirklich, dass das Sinn macht? Die Patienten sind nicht gerade lösungsorientiert oder zeigen Anreize zur Besserung.“
„Geduld, Frau Doktor. Mit der Zeit lichtet sich alles.“
10 Uhr:
Zimmer 1405 – der Ruheraum.
Nach der zweistündigen Gruppentherapie reflektierte Dr. Mertens wie immer ihre Beobachtungen und Notizen. In diesen 45 Minuten war Dr. Braun der Einzige, der bei ihr sein durfte.
„Denken sie nicht, dass es hilfreicher wäre, wenn sie sich einfach darauf einlassen würden und den Patienten höflicher und respektvoller entgegenkommen würden?“
Dr. Mertens hob ihren Blick und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Wie bitte?“
„Ich meine ja nur. Sie tun sich, uns und allen anderen keinen Gefallen, wenn sie so störrisch und arrogant sind. Feingefühl, Empathie und Respekt. Dann würden wir alle schneller vorankommen.“
Dr. Mertens seufzte.
„Ist das zu viel verlangt für eine renommierte Neuropsychiaterin?“ fragte Dr. Braun.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich werde es versuchen.“
Dr. Braun beugte sich auf seinem Stuhl nach vorne und faltete seine Hände.
„Nicht versuchen. Tun!“
11 Uhr:
In den nächsten 45 Minuten saß Dr. Mertens in Zimmer 1410 und hörte sich einen Vortrag über Ernährung und ihre Auswirkungen auf das Gehirn an. Sie beobachtete den Vortragenden äußerst kritisch. Er war um einiges jünger als sie, hatte also bei weitem nicht die Erfahrung. Am Ende stellte sie ihm noch viele Fragen nur um sie dann selbst zu beantworten – weil er innerhalb von 10 Sekunden nicht die korrekte Antwort parat hatte.
12 Uhr:
Mittagszeit. Dr. Braune und seine Assistentin begleiteten Dr. Mertens noch zu ihrem Tisch.
„Können wir noch irgendetwas für sie tun?“ fragte Nadine.
„Ja, lassen sie mich in Ruhe. Den ganzen Vormittag schon schwänzeln sie mir nach. Ich will in Ruhe Mittagessen. Am Nachmittag habe ich sie beide eh wieder an der Backe.“ Dr. Mertens scheuchte sie weg.
13 Uhr:
„Zeit für Bewegung.“ Dr. Braun und Nadine gingen mit Dr. Mertens in den Gymnastikraum 3.
„Ich verstehe nicht, warum ich hier mitmachen soll?“
„Es geht ums große Ganze. Um die Gemeinschaft und außerdem macht es Spaß. Ich werde heute ausnahmsweise mitmachen.“ Dr. Braun reichte Nadine seinen Kittel und mischte sich unter die Patienten. Es dauerte eine Weile, aber dann machte auch Dr. Mertens mit. Nadine glaubte sogar gesehen zu haben, dass sie einmal lächelte.
Der restliche Nachmittag war freie Zeit. Dr. Mertens verbrachte ihn immer in der kleinen Bibliothek. Sie las sehr viel, vor allem medizinische Bücher. Zum Abendessen m 18 Uhr wurde sie wieder von Dr. Braun und Nadine abgeholt. Sie wirkte müde und ausgelaugt.
„Es war ein anstrengender Tag. Morgen sind weniger Termin.“ sagte Dr. Braun zu ihr.
„Gut. Auf Dauer kann ich nicht für so viele Patienten gleichzeitig verantwortlich sein. Wird Zeit, dass sie selbständiger werden, Dr. Braun!“ erwiderte Dr. Mertens.
Nach dem Abendessen gab es im großen Aufenthaltssaal noch eine Filmvorführung für alle. Auch das Ärzte- und Pflegeteam waren dabei. Es sollte die Gemeinschaft stärken.
Dr. Mertens ging aber jeden wie Tag um Punkt 20 Uhr ins Bett. Sie war sehr strikt was Zeitabläufe betraf.
7 Uhr am nächsten Morgen:
Es klopft an der Tür.
„Doktor Mertens? Sind sie fertig?“ Dr. Braun nickte Nadine zu. Sie hatte sich seine Information gemerkt.
Niemand öffnete die Tür. Es war im Zimmer auch nichts zu hören. Dr. Braun holte seinen Schlüsselbund heraus und öffnete die Tür. Dr. Mertens saß auf ihrem Bett und starrte in die Leere. Ihre Haare waren durcheinander und das Oberteil ihres Pyjamas hatte sie verkehrt an. Er setzte sich neben ihr.
„Ist alles okay, Dr. Mertens?“
Sie sah ihn mit leeren Augen an. „Wer sind sie?“
Dr. Braun deutete Nadine, dass sie reinkommen und die Türe schließen soll.
„Ich bin Dr. Braun.“
„Wo bin ich?“ Dr. Mertens sah sich verwirrt um.
Nadine bekam eine Gänsehaut und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie wusste, dass das vorkommen würde.
„Frau Mertens, sie sind in der Parkhotel-Klinik. Sie sind hier Patientin. Ihr Mann hat sie vor 2 Jahren hierhergebracht, weil sie an einer frühzeitigen Demenz leiden. Können sie sich nicht mehr erinnern?“
Heute erinnerte sie ihn nicht an eine Antilope. Heute war der graue Schatten in ihr drinnen hervorgekommen. Wie ein Elefant ist er über die Antilope gestiegen und hat sich in ihrem Kopf breit gemacht.
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Kommentare
super geschrieben.Gefällt mir😍
Hat mir sehr gut gefallen - freue mich auf weitere Geschichten - musste schmunzeln 😂🫶
Für mich als nicht so großen Leser muss ich sagen hat es komplett gefesselt und ich freu mich schon auf die nächste Kurzgeschichte 😍 macht Bock auf mehr 🤩
Sehr originell - cooles Ende! 😎
Die Geschichte ist gut durchdacht 🤗🤭